Quelle
Dr. Ernst Zschokke – «Über den Aarauer Poeten Heinrich Wirri»
Vortrag, gehalten im kleinen Saal zu Aarau am 6. Februar 1895, gedruckt von H. R. Sauerländer & Co 1895

Dr. Ernst Zschokke – «Über den Aarauer Poeten Heinrich Wirri»
Vortrag, gehalten im kleinen Saal zu Aarau am 6. Februar 1895, gedruckt von H. R. Sauerländer & Co 1895

An den germanischen Fürstenhöfen, wie sie sieh aus den Stürmen der Völkerwanderung zu dauerndem Bestande erhoben hatten, erschienen zu den Festen und feierlichen Anlässen weitgewanderte Männer aus heimischen und fremden Gauen, um das Mahl der Helden durch ihre Gesänge zu verschönen. Hohe, edle Gestalten in weißen Haaren waren es, so denken wir, die ihre Lieder mit heiliger Begeisterung vor der lauschenden Versammlung sangen und mit der Harfe begleiteten. Von den Taten jener alten Helden und Recken sangen sie, zu denen die Zuhörer mit Staunen und Bewunderung emporblickten. Oft wurden diese Sänger auch zum Überbringen wichtiger Botschaften an fremde Königshöfe verwendet.
Aber die ideale Gestalt dieser Sänger ging im langsamen Laufe der Jahrhunderte unter und machte einer weniger vornehmen Art von wandernden Leuten Platz. Im 9. und 10. Jahrhundert tritt an ihre Stelle der weniger ernsthafte «Spielmann», dem die Würde jener alten Sänger fehlte. Wohl singt er auch an den Höfen, aber daneben auch auf den Straßen dem gemeinen Volk und spielt ihm auf seiner Fiedel zum Tanze auf. Er reißt nebenher Possen und macht den Leuten seine Kunststücke als Gaukler vor.

Natürlich waren es immer die Feste auf den Burgen, in den Städten, auf den Dörfern, die eine ganz besondere Anziehungskraft auf die Spielleute ausübten. Auf den Dörfern übertrug man Wohl etwa die Ordnung und Leitung des Festes einem erfahrenen Spielmann, der nun mit dem «Brizzelholz», jenem Instrument, das man noch heute in der Hand des Fasnachtsnarren sieht, seines Amtes waltete. Sie waren beim Volke, das ja oft genug von ihnen geprellt werden mochte, trotzdem sehr beliebt und gern gesehen, denn sie waren das unterhaltende Element, und da ist es nicht zu verwundern, wenn ihr Stand im Laufe der Jahrhunderte an Zahl ganz bedeutend zunahm. Denn hier strandeten eben alle, die im Leben Schiffbruch gelitten hatten, und sie befanden sich recht wohl.
Gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts erwuchs für das fahrende Volk, ein neuer höchst bedeutender Wirkungskreis. Es war ein neues wichtiges Element im Lande erstanden und zu Kraft und Blüte herangewachsen. Das waren die Städte mit ihrer regsamen Bürgerschaft. Aber. nicht nur der Handel hatte diese Städte groß und bedeutend gemacht, sondern nicht zuletzt die kriegerische Tüchtigkeit ihrer Bürger, die jeden Feind von den Mauern hielt. Diese kriegerische Tüchtigkeit, die Gewandtheit im Gebrauch der Waffe zu festigen und zu mehren, war ihr eifriges Bemühen, und wie konnte die Betriebsamkeit hier mehr angeregt werden als durch Wettschiessen nach dem Ziele mit Belohnung der besten Schüsse? So entstanden die Schützenfeste, auf denen mit der Armbrust und dem Feuergewehr gewetteifert wurde.

Sie nahmen alsbald einen großartigen Aufschwung und wurden im 16. Jahrhundert wohl so zahlreich wie heutzutage. Diesen Festen zogen die Spielleute natürlich in Scharen zu und errangen sich dabei sogar eine offizielle Stellung; das war das Amt des Pritschenmeisters. Den Namen hatte er vom fächerartig gespaltenen Holz, der Pritsche, das auch bei sanftem Schlage laut klatscht.
Die Tätigkeit des Pritschenmeisters an einem Schützenfeste war nun recht vielseitig. Mit der Narrenkappe und einem bunten Kleide angetan, das meistens die Farben der festgebenden Stadt zeigte, mit der Pritsche in der Hand, suchte er des Morgens die Festteilnehmer zusammen und brachte sie auf einen freien Platz, wo er nun den Festzug zu organisieren hatte. Unterwegs und auf dem eigentlichen Festplatze drängte er mit der Pritsche die zudringlichen Gaffer zurück. Nach der Prüfung der Waffen begann das Schießen, und nun waren es die unaufhörlichen Witze des Pritschenmeisters, die hier den Schützen belobten, dort mit Verabreichung eines Pritschenschlages den Fehlschuss bespöttelten. Am Festessen hielt er lustige Festreden, gereimte und ungereimte, und sorgte auch sonst irgendwie für Unterhaltung. Nach Beendigung jedes Waffenganges betrat der Pritschenmeister seine Bühne, rief die besten Schützen heran, bedachte sie mit einer gereimten Ansprache, lobte sie und erteilte ihnen den Preis, der unter anderem auch in einer Fahne bestand. Die schlechten Schützen wurden wieder gehörig verhöhnt. Nachher zerstreute sieh das lustige Volk in alle Winde.
Das war das Hauptfest der Bürgerschaft. Aber auch in den Herren adligen und fürstlichen Geblüts steckte ein gut Teil Festesfreude, und die Feste dieser Kreise, Hochzeiten und andere Anlässe, nahmen im Verlaufe ges 16. Jahrhunderts einen ganz besondern Glanz an. Noch immer lebte die Erinnerung an das Turnier, und kein Fest wurde gefeiert ohne Ritterspiele, immerhin unter wesentlich veränderten Formen und in ungefährlicher Weise. Auch hier bedurfte man der Pritschenmeister und Festdichter und fand sie zur Genüge unter den Fahrenden. Viele Gedichte, die Beschreibung solcher Feste enthaltend, hervorgegangen aus der Hand eines solchen Pritschenmeisters , sind uns erhalten und zeugen ebenso von der Pracht und Verschwendung dieser Feste, wie von der grenzenlosen Verflachung der Dichtkunst dieser fahrenden Sänger und Spielleute. Aber traurig ist, dass die Produkte dieser gesunkenen Poesie, wie wir sie kennen lernen werden, ganz dem Geschmack des Publikums entsprachen und ganz ernsthaft genommen wurden.

Das änderte sich freilich mit dem 17. Jahrhundert, wo die Pritschenreimer von den Trägern einer neu erwachenden Poesie nicht mehr als zur Zunft gehörend angesehen und bei jeder Gelegenheit ausgelacht und verspottet wurden. Aber noch ein anderes ist es, was den Fahrenden das Szepter entwunden hat: das ist die Buchdruckerkunst. Anfänglich profitierten sie in ausgiebiger Weise von dieser neuen Erfindung, ließen ihre Mordgeschichten, ihre Lieder und Sprüche drucken, oft in verschwenderischer Ausstattung, und fanden so für ihre Produkte rasche und weite Verbreitung. Aber mit der zunehmenden Bildung und vor allem mit der Entstehung von regelmäßig erscheinenden Zeitungen erreichte auch diese Herrlichkeit ein Ende. Immerhin verdanken wir der Buchdruckerkunst die Erhaltung einer großen Anzahl solcher Sprüche und Lieder, ohne die uns der tiefere Einblick in eine Kulturerscheinung des 16. und des 17. Jahrhunderts versagt wäre.
Das sind, in kurzen Zügen geschildert, die fahrenden Spielleute, und fragen wir uns nun, an welchen Platz in dieser vielgestaltigen Gesellschaft unser Heinrich Wirri zu stellen sei, so lautet die Antwort: Überall hin! Wir finden ihn sicher nachgewiesen von 1544-1571 und während dieser Zeit tritt er uns entgegen als Erzähler und Verbreiter von allerlei wichtigen und unwichtigen Nachrichten und Begebenheiten, als offizieller Pritschenmeister an Schützenfesten, als Spruchdichter bei Hochzeiten und ähnlichen großartigen Gelegenheiten und als Schauspieler.
Das Geschlecht der Wirri (auch Wirry, Wire, Wirrich geschrieben) taucht um die Mitte des 15. Jahrhunderts in Aarau auf. Seit dieser Zeit erscheinen in den Steuer- und Taufrödeln, in den Ratsmanualen unsrer Stadt in ununterbrochener Reihe eine ganze Anzahl dieses Namens:
1450 Rudi Wirri in quarto circulo (im 4. Kreis), Hans Wirri in der Vorstadt, Matthis Wirri in der Vorstadt, 1510 Hans Wirri im 1. Stock, 1520 Hans Wirri an der Ringmauer, ebenso der Jung Wirri, 1524 der

Jung Wirri, der Weber am 4. Stock, 1525 Hans Wirri an der Ringmauer, etwas später Uli Wirri an der Ringmauer, 1531 Erhart Wirri in der Vorstadt, später in der Halden, 1541 Uli Wirri zwischen den Thoren, ebendaselbst 1060 Uli Wirri der alt und Uli Wirri der Jung, aber 1562 nur noch der jung UIi Wirri und alt Uli Wirri’s Frau, 1582 Uli Wirri der Weibel, Ottilie Wirri. 1586 ist ein Joel Wirri Lateinschulmeister in Aarau, 1596 Predikant in Gontenschwyl, wo schon 1557 ein Uli Wirri als Predikant genannt wird. Hier scheint nun das Geschlecht, nachdem es 150 Jahre lang ununterbrochen sich in Aarau erhalten hat, um die Wende des 16. Jahrhunderts durch Aussterben oder Auswandern für unsre Stadt wenigstens erloschen zu sein. Heinrich Wirri, der Sänger aus dem „Addrich im Moos“, einer Novelle, welche zur Zeit des Bauernkrieges, also um 1653 spielt, ist nicht eine historische Persönlichkeit, sondern eine freie Erfindung des Verfassers Heinerich Zschokke, allerdings eine poetische Reminiszenz an unsern Poeten.
Ein Name ist unter den oben aufgezählten beglaubigten Angehörigen des Geschlechts Wirri nicht vorgekommen und das ist eben derjenige des Heinrich Wirri, der uns heute beschäftigen soll. Das mag nun einmal daher rühren, dass wir in jenem Jungen Wirri, dem Weber, dem Sohne des Hans Wirri, diesen Heinrich zu erkennen haben, andrerseits auch daher, dass er wohl schon frühe seiner Vaterstadt den Rücken wandte; um sein Glück in der Fremde zu suchen. Und so taucht er denn 1544 in Solothurn auf, allwo in diesem Jahre «Heini Wirri, der wäber, von Arow, von minen Herrn zu Burger angenommen wird umb iij Pfund und das er biss fassnachten geweer und harnasch habe.» Dieser Verpflichtung ist er denn auch nachgekommen und «Sontags nach Epiphanie d. Anno 1544 uss erwilligung miner Herren hatt das burgerrecht geschworen Heinrich wirri von arow, der wäber, und es hat ihm der Stadtschreiber den Eid geschrieben.» In Solothurn weilte er, mit Unterbrechungen wohl an die 10 Jahre, trieb sein Gewerbe und sah sich auch im Schneiderhandwerk um, wie er sich denn in einem Gedicht einen Schneider nennt. In diese Zeit nun fällt der Beginn seiner literarischen und poetischen Bestrebungen. 1555 und 1556 nimmt er seinen «Wohnsitz in Zürich, Anfang der 60 er Jahre treffen wir ihn wieder vorübergehend in Solothurn, von nun an verlässt er die Schweiz, wird Bürger zu Oberzell an der Ips in Österreich und bleibt nun hier wohl bis an sein seliges Ende, kurze Abstecher nach München und Speier abgerechnet. Wann er gestorben ist, lässt sich nicht ermitteln. Seinen letzten Spruch hat er im Jahre 1571 in Wien gedichtet. Seiner eignen Aussage nach war er verheiratet, und wie man aus der besondern Ehrbezeugung, die er in einem seiner Sprüche dem Kurfürsten Ott-Heinrich von der Pfalz wegen seines Verhaltens in religiösen Dingen entgegenbringt, herausmerken kann, mag er sich der neuen Lehre angeschlossen haben, ohne dagegen sich irgendwie um kirchliche Streitigkeiten bekümmert zu haben.

In Solothurn muss es über ihn gekommen sein, dass er seinem ehrbaren Weber- und Schneiderhandwerk valet sagte und sich fahrenden Leuten zugesellte, dass er fahrender Sänger und Spielmann, Spruchdichter, Pritschenmeister und Schauspieler wurde.
Als fahrender Sänger griff er merkwürdige Stoffe auf, die das Publikum interessieren mochten, geschichtliche Ereignisse, Mordtaten, Spuk- und Teufelsgeschichten, schrieb sie in Prosa oder in Versen zu Papier, ließ sie drucken, und den Extrabulletins unsrer Zeitungen vergleichbar zogen diese Flugblätter und Flugschriften voll des Neuesten durchs ganze Land. Wohl war das eine oder andere Lied auf eine schon bekannte Melodie gedichtet, also zum Singen bestimmt.

Als Spruchdichter stellte er sich bei grossen und kleinen festlichen Anlässen ein, besonders bei Hochzeiten adliger und fürstlicher Herrschaften, oder auch in guten bürgerlichen Kreisen, erhöhte durch seinen, in der Regel nachher gedruckten, meistens recht langen Festspruch die Festesfreude, wurde natürlich in den Kreis der Feiernden hereingezogen und nicht ohne Geschenk und Dank entlassen.
Als Spielmann und Pritschenmeister zog er an die zahlreichen Schützenfeste, von einem Ort zum andern, um seines Amtes als Festordner und närrischer Aufseher zu walten und das Fest durch seine Poesie zu verschönen und zu verherrlichen. In dieser Tätigkeit bestand offenbar seine Hauptstärke, und wirklich brachte er es auch zum obersten Pritschenmeister in Österreich.
Auch als Schauspieler hat er sich einen Namen zu machen verstanden. Bekanntlich erlebte das Schauspiel im 16. Jahrhundert ein ganz eigenartige Blütezeit, vor allem in den Städten der schweizerischen Eidgenossenschaft. Wohl zu beachten ist aber hier, dass es zunächst nur die Bürgerschaft der Städte war, die diese Stücke, meistens biblischen, gelegentlich auch geschichtlichen Inhaltes, auf den Haupt- und Marktplätzen aufführte. Weder der Gehalt des Stückes noch die Kunst des Darstellers kamen da in erster Linie in Betracht, sondern die pomphafte Inszenierung und die verschwenderische Entfaltung von Glanz und Pracht. So kam es, dass die hervorragenden Rollen, wie fürstliche Personen, in den Händen der Vornehmen lagen, während die geringern Bürger sich mit dem übrigbleibenden begnügen mussten. Erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts traten bei uns Berufsschauspieler auf oder ganze Schauspielertruppen, angeregt durch die englischen Komödianten, die zu jener Zeit auf ihren Wanderungen durch Deutschland ihre Kunst, vor der Hand noch an englischen Stücken zu zeigen begannen. Als Berufsschauspieler trat also auch Heinrich Wirri gelegentlich auf, und zwar wie es scheint, nicht ohne Glück. So tritt er 1558 in Köln auf, versehen mit Zeugnissen aus oberrheinischen Städten, in denen er als geschickter Darsteller der Leidensgeschichte Christi gerühmt wird.
So hatte denn dieser fahrende Mann eine recht vielseitige Tätigkeit, die sich aber nicht mehr im Ganzen überschauen, nur noch gelegentlich im Einzelnen erkennen lässt. Den Hauptanhaltspunkt für diese Erkenntnis gewinnen wir natürlich aus seinen gedruckten Hinterlassenschaften, soweit sie erhalten geblieben sind oder ihrer Seltenheit wegen überhaupt erreicht werden können, und diesen wollen wir uns nunmehr zuwenden.
Die Betrachtung der Erzeugnisse Heinrich Wirri’s in ihrer historischen Reihenfolge lässt unschwer drei verschiedene Gruppen unterscheiden, die in gewissem Sinne eine Entwicklung darstellen. In der ersten Zeit begnügt sich Wirri mit der Verbreitung schauerlicher Taten, kriegerischer Ereignisse, die er, gereimt und ungereimt, mit schrecklichen Bildern versehen, schrecklich, was Inhalt und Ausführung anbetrifft, seinem Publikum darbietet. Aber bald, um 1555, lässt er von diesen Stoffen ab, und nun sind es vornehmlich die Schützenfeste, denen er seine Pritschenmeisterreime widmet; und schliesslich wendet er sich der Beschreibung noblerer Festlichkeiten, fürstlicher Hochzeiten und anderer Anlässe zu. Hier nimmt er nun alles zusammen, was an Reimkunst in ihm steckt, und auch die äußere Erscheinung seiner Werke sucht sich der Vornehmheit dessen, was sie schildern, anzupassen.
Da begegnen wir denn nun zuerst zwei Flugblättern; die uns entsetzliches und wunderbares zu berichten wissen.
Es ist ein Folioblatt, bedruckt mit 112 Verszeilen, voran steht ein kolorierter Holzschnitt, die Begebenheit darstellend.

Wohl aus der gleichen Zeit stammt ein Folioblatt mit einem Holzschnitt und 186 Verszeilen, unterzeichnet H.W., welches den nichts verratenden Titel aufweist.

Es folgen nun zwei Lieder zeitgeschichtlichen Inhalts, richtige historische Volkslieder. Das eine bezieht sich auf den Einfall, den König Heinrich II im Jahr 1552 nach Deutschland unternahm, um im Verein mit deutschen Fürsten den Kaiser Karl V zu bekämpfen. Das Lied füllt vier Oktavblätter. Am Schlusse nennt sich Verfasser.

Eng an dieses Lied schlisst sich das zweite Volkslied: In 18 6zeiligen Strophen beklagt der Dichter die Stadt Metz, dass sie sich allzu vertrauensselig in die Hände der Franzosen übergeben habe, die ihr nun entgegen den gegebenen Versprechungen all ihre Freiheiten genommen hätten. Der Schluss lautet

Aber die Freude am sensationellen, unerhörten wiegt bei Wirri noch vor, und so bekommen wir denn noch drei Moritaten zu genießen: Da haben wir ihn, den richtigen, fahrenden Spielmann, wie er im weiten Lande umherzieht, bald im Osten, bald im Westen, bald im Elsass, bald wieder in der Schweiz, überall spähend und horchend, ob nicht ein merkwürdiges Ereignis, eine entsetzliche Tat seiner harre, um durch ihn landauf landab verbreitet zu werden. Und da setzt er sich denn mit wichtiger Miene hin und malt mit Behaglichkeit das Unerhörte hin, bald in wankender Prosa, bald in holprigen Versen. Aber er kennt sein Publikum, das sich an der äußern Rauheit nicht stößt, sondern hastig die Neuigkeit verschlingt und dem Verfasser von Herzen dankbar ist, denn es hat noch keine Zeitungen, die ihm regelmäßig das Neueste zutragen.
Doch nunmehr gilt unserm Poeten diese niedrige Reportertätigkeit für abgetan. Er gibt sie auf, nicht aber zugleich sein fahrendes Leben. Er ist Pritschenmeister geworden und das Jahr 1505 zeigt ihn uns an drei verschiedenen Schützenfesten.

Die Pritschenmeistersprüche Wirris sind poetisch sie ganz ohne Belang, aber auch was wir in kulturhistorischem Sinne aus ihnen gewinnen, ist blutwenig. Beinahe den größten Raum nehmen die endlosen Aufzählungen der Teilnehmer ein, natürlich zur besondern Ehrung der Genannten, wie denn ja schon damals jeder seinen Namen recht gern gedruckt las. Der Bericht über den Verlauf der Feste ist allgemein und unbestimmt gehalten, von seiner eignen Tätigkeit im Amte des Pritschenmeisters erfahren wir so gut wie gar nichts. Ein einziges mal erzählt er, dass er, in Passau , wenig geschossen habe, um so mehr aber mit der Pritsche seines Amtes zu walten hatte, dass ihm darüber viel Ehre angetan worden sei.
So wenden wir uns denn der letzten Gruppe der Sprüche zu, den Beschreibungen der Hochzeiten und ähnlicher Anlässe. Begleiten wir denn also unsern Poeten auf seinen Festreisen, wo er sich zu seinem Ruhm neue Ehren zu erwerben hofft; hören wir ihm, wenn seine Muse uns auch nicht sehr zu begeistern vermag, doch wenigstens etwas zu, wenn er uns von den Sitten und Gebräuchen erzählt, die zu jenen Zeiten vornehme Feste begleiteten. Da finden wir ihn denn auf der Fahrt nach einem Hochzeitsfest, das am 2. August 1556 zu Wädenswil gefeiert wurde.

Dies ist der Titel des, umfangreichen, 350 Verse haltenden Spruches, den Wirri über diese Hochzeit ergehen ließ. Das muss ein großartiges, glanzvolles Fest gewesen sein, diese Hochzeit von Junkersleuten am blauen Zürichsee, auch wenn man nicht alles für bare Münze nimmt, was der biedere Sänger zu berichten weiß, und die Beteuerung dahingestellt sein lässt, dass man weit und breit in vielen Jahren keine schönere Hochzeit gesehen habe, und dass diesem Feste unter allen übrigen von ihm und sämtlichen fremden Spielleuten der Preis zuerkannt worden sei.
Die eigentliche Trauung freilich wird mit sechs nichtssagenden Versen abgetan, denn die Prachtentfaltung und die Freigebigkeit der Gastgeber herauszustreichen, das ist die Hauptsache, und das fröhliche Herz eines immerdar hungrigen und durstigen Fahrenden denkt und spricht am liebsten vom Essen und Trinken, von den ausgeteilten Geschenken. 130 Tische standen gedeckt, jeder 10 Personen fassend; der Wein floss bei Adligen und Bauern, guter Elsässer, der beste im ganzen Land.
Über 1000 Mann in 22 Schiffen kamen von allen Seiten des Sees herangefahren, ungeladen, wurden aber ebenfalls bewirtet. An Buben, Spielleuten, Bettlern und anderem Gesindel, wie es der Wind zusammenträgt, hatten sich an die tausend eingefunden, die da erhielten, was von den Tischen weggetragen wurde. Auch von den schönen Frauen und Jungfrauen, die nachher zum Tanze geführt werden, weiß er zu berichten. Ihrer waren so viele, dass er nicht erschrecken würde, ob auch seine Frau stürbe, denn da wäre wohl manche, die ihm zu teil würde, und mit ihm weiter zankte. Die Wendung zum Schlusse findet er damit, dass er eingesteht, zu lange am Tische gesessen zu haben.

Damit verlässt Heinrich Wirri die heimatlichen Gaue, um, wie es scheint, für immer, sein Glück in der Fremde zu suchen. Wir haben schon früher gesehen, wie. er die Bürger der rheinischen und elsässischen Städte mit seinen Darstellungen aus der Leidensgeschichte Christi von der Bühne herab erfreut. Nun aber zieht er den glanz- und prunkvollern Festen gekrönter Häupter nach, wo für seine Kunst und seinen Geldbeutel mehr zu erhoffen ist. 1563 ist er in Pest, wo er die Krönung Kaiser Maximilians II zum König von Ungarn «mitmacht» und in einem zirka 1400 Verse umfassenden Gedichte beschreibt. Der sehr seltene Spruch findet sich nur in Wien und Pest.

Und nun folgt, fünf Jahre später, der große, berühmte Spruch über die fürstliche Hochzeit in München, ein Druck, der schon durch seine Ausstattung Aufsehen zu erwecken sucht. Auf 60-70 Folioblättern, die vielfach mit großen derben Holzschnitten bedruckt sind, gibt uns der Verfasser eine weitschweifige Erzählung von diesem glänzenden Feste, aus der hier das wichtigste hervorgehoben werden soll.
Nach einer Anrede an den Kaiser, in welcher der Dichter um Entschuldigung für sein verspätetes Eintreffen in München und um Annahme des Gedichtes bittet, wird uns die ganze Reihe der eingeladenen fürstlichen Personen und der stellvertretenden Gesandten mit ihren Wappen dargetan.

In München sieht Wirri all die fürstlichen Herren einreiten, nennt alle in endloser Aufzählung mit Namen und zählt ihre Pferde. Endlich naht sich von Ingolstadt her der Brautzug. Die Braut fährt in einem wundervollen Wagen. Nur die Furcht, als grosser Narr ausgelacht zu werden, hält unsern Poeten ab zu fragen, wie viel er koste. Zum Empfang waren vor der Stadt viele Geschütze aufgestellt, 12 Mauerbrecher und 30 Notschlangen.
Der ganze Zug begibt sich nun‘ in die Frauenkirche zum Gebet, Nachmittag um 2 Uhr findet die Trauung durch den Kardinal von Augsburg statt, unter vielen Zeremonien, die alle ausführlich geschildert werden. Beim darauffolgenden Essen reichen Grafen das Handwasser und schneiden vor.
Am nächsten Morgen überreicht der Herzog seiner Braut die Morgengabe: ein Halsband, dessen Pracht dem Poeten einen Stoßseufzer entlockt.

Nach der Messe fand ein fürstlicher Tanz im Rathaus statt. Am Dienstag zog man hinaus auf die Turnierbahn. Erst zeigten Pferde ihre Künste; eines ging «ein halb einer viertel Stunde» auf den vordern Knien, ein anderes, in Freiheit -dressiert, tat alles, was ihm befohlen ward. Nun erschienen vermummte Aufzüge: Bauernhochzeit, Fuchsjagd, Zigeuner, Mohren, Türken, Bacchus, die 7 Planeten. Schließlich beginnt das Turnier, das mehrere Tage dauert und auf verschiedene Arten durchgeführt wird: Kübelstechen, Krönleinstechen, Turnier im Scharfrennen, bei welchem mancher davon hinkte. Nur am Freitag war kein Turnier. Da führten die Jesuiten ein lustiges Spiel in gutem Latein auf: Samson und die Philister, was natürlich den Schauspieler Wirri höchst interessierte. Am folgenden Sonntag fand das Hauptessen statt, dessen Gerichte Wirri leider nicht alle hat zählen können: er kam nur bis auf die Zahl 300. Doch war eine große Pastete dabei, aus der beim Anschneiden ein Zwerg schlüpfte, um dem Brautpaar seine Reverenz zu machen. Ein Schloss mit Landsknechten, aus Zucker groß aufgebaut, wird aufgetragen und noch vieles mehr. Nachts waren alle Straßen erleuchtet, Aufruhr und Tumult gab es nicht.
Aus der Zeit nach dieser Münchner Hochzeit sind uns nur noch zwei Sprüche bekannt, beide aus dem Jahre 1571.
Der eine, ganz kurz handelt von dem Reichstag in Speyer und nimmt nur ein Folioblatt ein. Der zweite, ganz in der Art der Münchner Hochzeit, womöglich noch großartiger als dieser, schildert eine fürstliche Hochzeit in Prag. Der Schluss lautet

Der oft gehörte Satz mit der Verkündung seiner Herkunft fehlt hier. Wirri scheint sich nunmehr seiner Heimat ganz entfremdet zu haben. Nach 1571 hört man nichts mehr von ihm, er ist verschollen und wohl bald gestorben.
Wenn man nun gewillt ist, den Vorwurf der Nüchternheit. und Poesielosigkeit gegen unsern Poeten zu erheben, so trifft dieser Vorwurf weniger ihn selbst, als vielmehr die Anforderungen, welche man an seinen Stand stellte, und die Zeit, aus der er erwachsen ist. Man vergegenwärtige sich, dass damals alles in den Hintergrund treten musste vor der einen großen Tagesfrage, welche die Reformation aufgeworfen hatte. Auch die Poesie stellte sich als Streitmittel in den Kampf für oder wider die neue Lehre. Ihre Formen waren die denkbar kunstlosesten; in der Metrik rechnete man zur Versbildung nur mit der Silbenzahl statt mit der Silbenbetonung, was den berühmten Knittelvers ergab. Dies alles abgerechnet, scheint Heinrich Wirri doch zu den bevorzugtesten seines Standes gehört zu haben, daher die große Zahl auserlesener Feste, die er offiziell zu besingen hatte. Und es scheinen sich seine Sprüche einer gewissen Beliebtheit erfreut zu haben, daher die verschiedenen Ausgaben, die Neudrucke und die Nachdrucke.
Seiner Zeit hat Wirri in seinem Wirkungskreise Genüge geleistet, und das ist für ihn die Hauptsache.